Katharina Tempel

Durch Selbstbestimmung zu mehr Wohlbefinden

Oftmals wird unser Denken und Handeln von außen bestimmt. Wir entscheiden uns für Studiengänge und Ausbildungen, weil unsere Eltern das so wollen oder gründen Familien, weil wir denken, dass es so sein müsste. Doch wer immer nur tut was andere erwarten, vergisst darüber, auf sich selbst zu hören und der eigenen Stimme die größte Gewichtung zu verleihen.

Wann leben wir selbstbestimmt

Selbstbestimmung bedeutet nach freiem Willen über sein Leben entscheiden zu können und sich selbst als Urheber seiner Handlungen wahrzunehmen. In der Selbstbestimmungstheorie der amerikanischen Psychologen Edward Deci und Richard Ryan wird erklärt, wann wir wirklich selbstbestimmt sind und warum das so wichtig für unser Wohlbefinden ist.

Zwei Formen der Motivation

mattnadoodle / pixelio.de
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Manche Menschen werden Anwälte, weil sie es lieben zu argumentieren und sich für eine Sache einzusetzen. Andere entscheiden sich für den Anwaltsberuf, weil er angesehen ist und mit einem guten Gehalt einhergeht. Ein und derselben Handlung kann also ein unterschiedliches Motiv unterliegen. Im ersten Fall sprechen wir von intrinsischer Motivation im zweiten Fall von extrinsischer Motivation.

Intrinsisch ist man motiviert, wenn man etwas um seiner selbst willen tut, z.B. weil man neugierig darauf ist oder es einem schlichtweg Spaß macht. Diese Form der Motivation ist also im höchsten Maße selbstbestimmt. Extrinsisch motivierte Handlungen sind hingegen nur Mittel zum Zweck. Man verspricht sich dann einen Vorteil von einer bestimmten Handlung oder versucht auf diese Weise einem Nachteil zu entgehen. Extrinsisch motivierte Handlungen sind daher stark kontrolliert. Sie kommen nicht aus uns selbst heraus sondern sind von außen auferlegt.

Klingt so, als wäre die intrinsische Motivation der Liebling unter den Motivationsformen. Und tatsächlich, wer eine Sache um ihrer selbst willen tut, ist in der Regel auch erfolgreicher damit, lernt besser, ist kreativer, hat einen höheren Selbstwert und ein größeres Wohlbefinden.

Belohnungen können eine intrinsische Motivation zerstören

Katja Fuhr-Boßdorf / pixelio.de
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Aber Vorsicht. Wer denkt, er könne die intrinsische Motivation seines Kindes für Chemie durch Taschengelderhöhungen steigern, der irrt gewaltig. Eine ursprünglich intrinsische Motivation kann auf diese Weise schnell in eine extrinsische Motivation überführt werden. Stellt Euch jemanden vor, der leidenschaftlich gerne schwimmt. Wenn man diese Person nun zum Leistungsschwimmen drängt und sie vielleicht auch schon bald zahlreiche Medaillen und Preisgelder gewinnt, kann es passieren, dass die ursprüngliche Freude an der Tätigkeit verloren geht. Die Person würde dann nur noch schwimmen, um Medaillen zu gewinnen; also, um einen Zweck zu erreichen. Auf diese Weise können Wettbewerbe aber auch Bedrohungen, Überwachungen, Evaluationen, Deadlines oder Belohnungen eine ursprünglich intrinsische in eine extrinsische Motivation umwandeln.

Extrinsische Motivation kann selbstbestimmter werden

Natürlich können wir nicht für alles intrinsisch motiviert sein. Extrinsische Motivation hat also durchaus ihre Berechtigung. Aber auch hier gilt, je selbstbestimmter wir uns dabei empfinden, desto besser für unser Wohlbefinden.

Mike Frajese / pixelio.de
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Und dies lässt sich über den Vorgang der Internalisierung erreichen. Nehmen wir z.B. Tischsitten. Ich glaube, die wenigsten von uns werden mit dem natürlichen Bedürfnis geboren, die Serviette zu benutzen und Messer und Gabel anständig abzulegen. Das ist eine Verhaltensweise, für die wir als Kinder extrinsisch motiviert sind. Wir halten uns daran, um keinen Ärger zu bekommen. Mit der Zeit aber tendieren wir dazu, die Werte und Vorschriften unserer sozialen Gruppe zu übernehmen, weil wir uns mit ihnen verbunden fühlen wollen. Womöglich erkennt man irgendwann den Sinn hinter diesen Vorschriften und beginnt, die Tischsitten zu befürworten. Die Vorschrift wird internalisiert und zukünftig ausgeführt, weil wir sie selbst für wichtig und richtig halten. In diesem Fall erleben wir uns also stärker selbstbestimmt und das ist absolut entscheidend für unsere psychische Gesundheit.

Warum Selbstbestimmung so wichtig für unser Wohlbefinden ist

Aber warum ist das so? Laut den Autoren der Selbstbestimmungstheorie gibt es drei grundlegende psychologische Bedürfnisse, die zentral für unser Wohlbefinden und unsere Entwicklung sind.

Diese sind:

  • Das Bedürfnis nach Kompetenz und Wirksamkeit
  • Das Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung
  • Das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit

Wenn wir in einer Umgebung aufwachsen, die diese Bedürfnisse erfüllt, können wir uns optimal entwickeln und vorrangig das tun, was uns wichtig ist und was wir selbst interessant finden. Die Befriedigung der Bedürfnisse führt also zu vermehrter intrinsischer Motivation. Werden unsere Grundbedürfnisse aber nicht erfüllt, weil wir bspw. in Elternhäusern aufwachsen, die unsere Selbstbestimmung vereiteln oder wir uns mit unseren Mitmenschen nicht verbunden fühlen, können sich Ersatzbedürfnisse entwickeln. Diese Ersatzbedürfnisse sind zumeist extrinsischer Natur, wie z.B. das klassische Verlangen nach Geld oder Ruhm, um den wahrgenommenen Mangel auszugleichen. Strebt man zu sehr nach diesen Ersatzbedürfnissen, bleiben unsere eigentlichen Bedürfnisse unerfüllt. Jemand, der viel Zeit und Energie darauf verwendet, Geld oder Status anzuhäufen, wird notgedrungen weniger Zeit und Energie für seine Beziehungen aufbringen können. Im Sinne seiner psychischen Gesundheit und seines Wohlbefindens verfolgt er somit ein falsches Ziel.

Und was lernen wir daraus?

Das Auftreten und die Aufrechterhaltung intrinsischer Motivation werden insbesondere in solchen Umgebungen gefördert, die unsere Bedürfnisse nach Kompetenz, Autonomie und Zugehörigkeit erfüllen. Gleichzeitig führen intrinsische Verhaltensweisen dazu, dass wir uns stärker als kompetent und selbstbestimmt erleben. Auf diese Weise wird also ein Kreislauf in Gang gesetzt, der uns erfolgreicher, zufriedener und gesünder macht.

Ein Gastartikel von Katharina Tempel.

Über die Autorin

Katharina Tempel ist Diplom-Psychologin und verfasst derzeit an der Freien Universität Berlin eine Doktorarbeit zum Thema Wohlbefinden. Auf ihrem Blog Glücksdetektiv schreibt sie über das erfüllte Leben und die Suche nach dem Glück und gibt praktische Tipps zur Steigerung des Wohlbefindens.

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